Lass uns von der Cousteline kosten!

Die Cousteline (Reichardia picroides) wird im ganzen Mittelmeergebiet, wo sie heimisch ist, aber besonders in der Provence, als Wildsalat gegessen. Sie gilt in Frankreich als eine ausgesuchte Gourmetpflanze.

Ich baue die Cousteline nun schon im zweiten Jahr an und konnte sie entsprechend begutachten und prüfen, ob sie für meinen Garten geeignet ist und ob sich der Anbau lohnt.

Beginnen wir von vorn: Die Samen dieser Pflanze habe ich aus der Genbank Gatersleben erhalten. Im März 2012 habe ich sie dann zwischen den Gartensalat ausgesät, ich konnte aber nicht beobachten, wie sie gekeimt ist und musste annehmen, dass es sich bei diesem Versuch um einen Fehlschlag handelte. Als ich im späteren Frühjahr den Gartensalat erntete, fand ich einige Pflänzchen, die ich nicht einordnen konnte. Sie ähnelten als Jungpflanze den Gänsedisteln, unterschieden sich aber in der Blattfarbe und waren nicht stachelig. Es handelte sich um die Cousteline.

Die Pflänzchen sahen sehr fragil aus und ich nahm an, dass sie den Sommer nicht überleben würden. Wieder ein Irrtum. Sie überlebten und eine der Pflanzen begann im Herbst sogar noch bis in den Winter zu blühen.

Auf PFAF (Plants for a Future: Ein extrem umfangreiches Online-Nachschlagewerk für essbare Wildpflanzen) wird angegeben, dass die Pflanze nur bis zur USDA-Zone 8 winterhart ist. Meine Region wird typischerweise in die Zone 7 eingeteilt. Der Winter 2012/13 war auch nicht besonders mild, und trotzdem haben es die Pflanzen überlebt:

ReichardiaDie Cousteline bleibt auch im Winter grün und zieht nicht ein (was vielleicht ein Problem sein könnte für sehr kalte Gegenden). Im Spätwinter konnte ich schliesslich der Versuchung nicht wiederstehen und musste von der Cousteline kosten. Ich war entzückt. Sie schmeckte unglaublich süss und war knackig im Biss. Ich kann schon jetzt verraten, dass sie zu diesem Erntezeitpunkt am besten geschmeckt hat (aber auch im restlichen Jahr schmeckt sie sehr gut). Die Cousteline wäre also ein perfekter Wintersalat (für kältere Gegenden kann ich das jedoch, wie gesagt, nicht berurteilen).

Nun ist aber etwas Blödes passiert: Nachdem ich von einer Pflanze ein paar Blätter probiert habe, ist sie in den folgenden Wochen von den kleinen, schwarzen Gartenwegschnecken (Arion hortensis) ganz und gar aufgefressen worden. Versteht mich nicht falsch, die Pflanze wird normalerweise von den Schnecken nicht gefressen, auch wenn Blätter geerntet wurden. Anscheinend war jedoch so wenig frisches Grün vorhanden, dass die Schnecken auf die Cousteline zurückgegriffen haben. Von den vier Pflanzen überlebten den Winter also nur drei.

Im Frühling hat die Pflanze wieder frisch ausgetrieben und an Blattmasse deutlich zugenommen. Im Frühsommer begannen alle drei Pflanzen zu blühen:

Cousteline(Man beachte, wie sich die Blattform im Sommer deutlich unterscheidet von der Winterform.)

Die Pflanzen begannen in Massen zu blühen und Samen zu bilden. Und darin besteht auch das einzige wirkliche Problem mit dieser Pflanze: Erstens investiert sie alle Energie in die Blütenbildung und produziert keine Blätter mehr. Die Stängel sind zwar noch essbar, die älteren Stängel sind aber faserig. Dieses Problem ist vernachlässigbar. Was aber ein Problem darstellen könnte, ist, dass die Masse an Samen wie der Löwenzahn mit Schirmchen ausgestattet ist und so vom Wind verbreitet werden kann. Das heisst, die Pflanze hat das Potenzial, relativ leicht aus der Kultur auszubrechen und zum Neophyten, vielleicht sogar zum invasiven, zu werden. Die Pflanze sollte also mit Vorsicht und unter Beobachtung angebaut werden.

Die Blüten sind übrigens der einzige Teil der Pflanze, der nicht gegessen werden kann, denn sie sind furchtbar bitter. Um genau zu sein, sind es nur die gelben Blütenblätter die bitter schmecken. Es ist, als würde die Pflanze damit sagen wollen: Nehmt alles von mir, aber wehe, ihr stört mich bei der Fortpflanzung! 🙂

Ich konnte nun im Sommer auch eine Unmenge an Samen ernten. Ich habe sie zum grössten Teil vor der Entfaltung der Schirmchen geerntet. Der weitere Anbau ist somit gesichert (an Interessierte kann ich davon auch eventuell ein paar abgeben). Um sicherzustellen, dass das Saatgut keimfähig ist, habe ich ein wenig davon im August in einem freigewordenen Beet ausgesät, und auch als Experiment, um den perfekten Saatzeitpunkt zu ermitteln. Hier das erfreuliche Ergebnis:

Cousteline1

Cousteline2

Blöd nur, dass sie teilweise schon wieder versuchen, zu blühen. Es ist also wichtig, die Pflanze auf eine weniger grosse Blühfreudigkeit zu selektionieren.

Zur Essbarkeit der Cousteline: Die ganze Pflanze ist essbar mit Ausnahme der gelben Blütenblätter (die einfach bitter schmecken, aber wahrscheinlich nicht giftig sind), sogar die Wurzel, ausser dem verholzten Innenmark. Die Wurzel ist aber verglichen mit den Blättern etwas fad. Es wird also kein Wurzelgemüse. Die Blätter haben einen süssen und sehr guten Eigengeschmack, schmecken dezent wie Löwenzahn oder am ehesten wie die Blätter des Haferwurz, aber ohne jeden bitteren Geschmack. In grossen Mengen schmecken die Blätter aber adstringierend, was halt darauf hindeutet, dass es sich noch um eine Wildpflanze handelt.

Laut einer Studie ist die Cousteline übrigens äusserst gesund. Sie zeigte in der Studie die höchste neuroprotektive Wirkung im Vergleich mit zwei weiteren Wildpflanzen des Mittelmeergebiets, darunter eine Thymianart.

Fazit: Die Cousteline hat für mich ein sehr grosses Potenzial als Salatpflanze im Garten. Im Gegensatz zum Gartensalat ist sie in keinem Reifestadium bitter (ausser man isst sie mit den Blüten) und zusätzlich hat die Cousteline einen angenehmen Geschmack.

Grüne Grüsse!

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